Wald in der Krise: Hitze und Trockenheit bringen Borkenkäfer & Co. auf den Plan

An diesen Anblick werden wir uns gewöhnen müssen: Hier gefällte Nadelbaumstämme zwischen den Beilsteiner Ortsteilen Schmidhausen und Jettenbach, unterhalb des Bernbachtals (Foto: Hohlweck)

Dem Wald im Landkreis geht es schlecht. Wie schlecht, das stellte das Kreisforstamt in seiner Präsentation am 24. Juni faktenreich da. Anlass war der „Runde Tisch Waldschutz“, zu dem Kreisforstdirektor Christian Feldmann zahlreiche Interessenvertreter eingeladen hatte. Gekommen waren neben Vertretern der Waldbesitzer, der Kommunen und der Jägerschaft auch der BUND – sowohl Vertreter der Geschäftsstelle Heilbronn/Franken als auch vom BUND Ortverband Beilstein. Der BUND begrüßt diese offene Kommunikation der Forstbehörde und wird sich weiterhin konstruktiv und partnerschaftlich beteiligen. Die nächste Sitzung im Landratsamt soll im Spätsommer stattfinden.

Das Geheul von Motorsägen im Wald gehört eigentlich in die Wintersaison – aber derzeit ist es leider in vielen deutschen Wäldern zu hören. Grund ist der Kampf mit einer Vielzahl von Problemen, die den Waldbäume infolge der Klimakrise dramatisch zusetzen. Dürre und Hitze des Rekordsommers 2018 haben sie geschwächt und anfällig für Krankheiten und Schädlinge gemacht. Sichtbar ist dies längst durch auffallend gelichtete Kronen bei Laubbäumen und rötlich verfärbte, kahle Nadelbäume. Alleine im letzten Jahr mussten 3 Mio. Festmeter so genanntes Sturm- und Käferholz in Baden-Württemberg geschlagen werden – 1 Mio. mehr als in der Schweiz. Das forstwirtschaftliche Problem betrifft ganz Mitteleuropa und der Holzpreis ist national und europaweit längst in freiem Fall. Nichtstun ist aber für die Forstverwaltung mit Verweis auf das Landeswaldgesetz keine Alternative. Dies schreibt vor, dass im Rahmen des Waldschutzes tierische Forstschädlinge zu bekämpfen sind. Dazu kämen bei Totalausfällen noch immense finanzielle Einbußen auf Seiten der privaten wie kommunalen Waldbesitzer sowie möglicherweise Schadenersatzforderungen von Anrainern. Denn der Borkenkäfer, der insbesondere die Fichte heimsucht, ist ein vermehrungsfreudiges Tierchen mit einem Flugradius von bis zu 1 km. Laut Forstverwaltung kann aus einer Gruppe von 20 befallenen Bäumen im Juni bereits im Juli ein Befall für 400 Bäumen resultieren und einen Monat später könnten 8.000 Bäume betroffen sein. Klar ist auch: Befallenes und deshalb geschlagenes Holz muss so behandelt werden, dass die Käfer sich auch von diesem so genannten Polterholz aus nicht weiter vermehren. Das gelingt u. a. durch Austrocknung, Entrinden, Hacken und – als allerletztes Mittel - durch den Einsatz von Insektiziden. Vielerorts wartet das zugeschnittene Käferholz in Heilbronns Wäldern schon auf den Abtransport – manchmal sogar unter schwarzen Plastikplanen. Aufgrund von Engpässen bei Transportern, fehlenden Lagermöglichkeiten und der schleppenden Abnahme kann dies maximal bis zu einem Jahr dauern.

Schadbilder auch bei Laubbäumen

Nicht nur Fichten, auch Lärchen, Douglasien, Kiefern und Weißtannen sind durch den Klimawandel gestresst und von Schädlingen (z. B.  Lärchenborkenkäfer, Kiefernborkenkäfer, Buchdrucker, Kupferstecher) befallen und sterben ab. Ebenso greift in unseren Wäldern die Buchenkomplexkrankheit an jungen wie alten Bäumen um sich: Blätter, Zweige und Äste sterben langsam ab, Insekten und Pilze befallen den kränkelnden Baum. Auch Ahornarten wie besonders der Bergahorn werden von einem Schwächeparasiten befallen, einem Pilz, der die Rußrindenkrankheit auslöst. Das Eschentriebsterben hat bereits dazu geführt, dass hierzulande viele Bäume an verkehrsgefährdenden Standorten landesweit gefällt werden – im Winter soll dies auch rund um den Beilsteiner Annasee passieren. Landesweit ergab die Kronenzustandserhebung, dass der Anteil von Bäumen mit deutlichen Kronenschäden allein 2018 gegenüber dem Vorjahr um 7 % auf 38 % gestiegen ist – 2018 war also bereits über ein Drittel der Bäume geschädigt.

Waldtypische Gefahren nehmen zu

Die Baumerkrankungen haben auch direkte Auswirkungen auf unser Freizeitvergnügen im Wald: Ob Spaziergänger, Reiter, Pilzsucher oder Mountainbiker – alle müssen ab jetzt besondere Vorsicht walten lassen und auch mit Wegesperrungen rechnen. Waldtypische Gefahren wie Astbruch sind unvermeidlich und werden zunehmen. Auch optisch wird sich der Wald verändern. Nicht nur werden wir immer mehr abgestorbene Bäume sehen. Dort wo befallende Baumbestände abgeholzt werden mussten, bleiben Kahlflächen. Teilweise sollen darauf neue Bäume angepflanzt werden.

Und die Zukunft?

Die Forstwirtschaft steht derzeit vor Aufgaben, deren Dimensionen in dieser Form ein noch nie da gewesenes Ausmaß haben. Waren der Hitzesommer 2003 oder der Orkan Lothar 1999 singuläre bzw. regionale Ereignisse, so muss der Wald nun europaweit auf die rasanten und dauerhaften klimatischen Verschlechterungen ausgerichtet werden. Deshalb steht für Forstamtsdirektor Christian Feldmann in der Region Heilbronn die Walderhaltung an erster Stelle.  Und das zurecht: Denn der Wald ist unser wichtigster CO2-Speicher, eine riesige Kühlanlage, ein gigantischer Wasserspeicher und nicht zuletzt in seiner Form als Wirtschaftswald Holzlieferant. Klar ist, dass Flachwurzler wie die Fichte zukünftig eine sehr untergeordnete Rolle im Artenmix des Waldes spielen werden. Glücklicherweise beträgt ihr Anteil in den Wäldern der Region nur rund 13 %. Aber auch die Buche ist im Vergleich zur Eiche wenig trockenresistent.

Neben der Förderung der Eiche sollen auch neue klimaresistentere Arten künftig vermehrt in unseren Wäldern wachsen – wenn sie mit forstlichen Vorschriften und Waldstandards (FSC) vereinbar sind. Die jeweilige, standortangepasste Baumauswahl ist jedoch stets eine diffizile Angelegenheit, schließlich geht es um Waldgesellschaften für die nächsten 50 bis 200 Jahre. Große Hoffnung setzen die Forstleute auf die äußerlich dem Ahorn ähnelnde Elsbeere und den licht- und wärmebedürftigen Speierling, der im Jugendstadium mit der Vogelbeere verwechselt werden kann. Beide sind bislang sehr seltene, aber hochwertige Holzarten. Denkbar sind ebenso Hainbuche oder Esskastanie. Als Fichtenersatz, wenn auch nicht unumstritten, ist die schnell wachsende Douglasie im Blick. In Nordrhein-Westfalen laufen derzeit auch Versuche mit weiteren Baumarten: Gebirgsmammutbaum, Robinie, Atlas-Zeder und Großen Küstentanne.

Neben der natürlichen Verjüngung im Wald wird es also tatsächlich zur Pflanzung von Jungbäumen kommen müssen, um die Waldfunktionen (Schutz, Nutzen, Erholung) aufrechterhalten zu können. Das bedeute laut Forstverwaltung aber auch, dass die Jungbäume vor Wildverbiss geschützt werden sollen. Ebenso ist abzusehen, dass auch die Hiebzahlen, also die Menge an zu vermarktendem Frischholz, sinken werden. Fressfeinde der diversen Borkenkäfer- und Raupenarten wie z. B. der Specht sollen künftig weiter gefördert werden.

Natur- und Artenschutz beachten

Welche Auswirkungen diese Veränderungen auf die jeweilige Waldfunktion haben werden, war das Thema eines offenen Dialogs im Anschluss an die Präsentation. Der BUND betonte dabei, dass bei den aktuellen sommerlichen Forstarbeiten, der Arten- und Biotopschutz im Blick bleiben muss. Schließlich finden die Baumfällungen und Rückearbeiten nun zu einer Zeit statt, in welche die Brut- und Aufzuchtphasen der Waldtiere und die Hauptreproduktionzeit der Pflanzenwelt fallen. Deshalb empfehlen wir - wenn es der Tierschutz und die Gegebenheiten zulassen - Rückepferde einzusetzen, wie dies bereits im Zabergäu an manchen Stellen erfolgt. Besonders im Fokus muss auch der Amphibienschutz stehen, weshalb wir u. a. die Neuanlage und den Unterhalt von Tümpeln für wichtig erachten. Grundsätzlich gilt es alle Feuchtgebiete zu bewahren, denn auf diese sind auch Insekten wie z. B. geschützte Libellenarten angewiesen. Das bedeutet auch, dass durch Baumfällungen und Auslichtungen nicht das Austrocknen von Tümpeln gefördert werden darf. Der Schutz von fließenden und stehenden Gewässern muss insbesondere beim Einsatz von Insektiziden an gelagertem Polterholz oberste Priorität haben. Dieser darf nur punktuell und in maximaler Absicherung für Mensch und Ökosystem erfolgen.

Beim Eschentriebsterben besteht derzeit die einzige Hoffnung darin, resistente Bäume zu finden. Die Chancen sind umso größer, je weniger Eschen gefällt werden. Der BUND fordert daher, befallene Eschen nur dort zu fällen, wo eine erhebliche Verkehrsgefährdung besteht, und auf keinen Fall vorbeugend.

Aufforstung mit Bedacht

Generell befürchten wir als Folge der Baumfällungen, dass in ausgelichteten Beständen der Waldboden stärker austrocknet, weil das schattenspendende Kronendach große Lücken aufweist. Der Effekt würde den Druck auf den Wald weiter erhöhen. Ohnehin dürfen in ausgewiesenen Schutzzonen wie Biotopen, Naturschutzgebieten und so genannten FFH-Zonen (Flora-Fauna-Habitat), die Auswirkungen auf die Ökosysteme nur so gering als irgend möglich sein. Dies ist auch bei der Wahl der neuen Baumarten zu bedenken, die in die heimischen Waldgemeinschaften Einzug halten sollen.

Wie wichtig es ist, dass auch geplante Aufforstungen mit Bedacht erfolgen, zeigt das Beispiel Ulmer Stadtwald, wo im Frühjahr 2018 rund 20.000 Setzlinge gepflanzt wurden. Dort wo Jungbäume im schattigen Wald gesetzt wurden, sind im Hitzesommer 2018 „nur“ 30 % davon vertrocknet. Auf offenen Neuaufforstungsflächen lag der Ausfall jedoch bei 80 %.

Naturwaldflächen ausweiten

Mit Blick auf die Klimakrise unterstreicht der BUND die Bedeutung von Naturwäldern, in denen Bäume ungestört ihr natürliches Lebensalter von mehreren Hundert Jahren erreichen dürfen. Die Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2020 insgesamt 5 % der Wälder aus der forstlichen Nutzung zu nehmen. Im April dieses Jahrs waren es gerade einmal 2,8 %. Dabei sollte unseres Erachtens der Anteil von Naturwald im Staatswald noch deutlich über 5 % liegen - der Staat muss hier endlich seiner Vorbildfunktion gerecht werden. In Naturwäldern entstehen viele verschiedene Lebensräume von denen seltene und von alten Wäldern abhängige Arten wie Mittelspecht, Grauschnäpper oder Bechsteinfledermaus profitieren. Gerade wenn zukünftig der klimagetriebene Umbau der Wirtschaftswälder erfolgt, wächst die Bedeutung dieser Refugien für angestammte Ökosysteme.



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